Aktuelles

Langzeitfolgen und -perspektiven der Corona-Pandemie

Victor Chu


Vorabveröffentlichung eines Artikels für die Zeitschrift GESTALTTHERAPIE 1/2021

Eine Betrachtung der psychosozialen Langzeitfolgen der Corona-Pandemie, verbunden mit Empfehlungen, wie wir ihnen begegnen können. Dabei werden nicht nur die negativen Folgen besprochen (Angst, Soziophobie, Paranoia, Depression, kollektive Traumatisierung, Burnout, politische Radikalisierung usw.), sondern auch die positiven (Abbremsung des wirtschaftlichen Wachstums, sinkende Emission von Treibhausgasen, Besinnung auf das Wesentliche, Wertschätzung von sozialen Kontakten und Beziehungen). Therapeutische und soziale Maßnahmen nach Abklingen der Pandemie werden erörtert: Demut vor der Natur entwickeln, Trauer- und Versöhnungsarbeit leisten, die Jugend fördern, den verlorenen sozialen Zusammenhalt kitten, persönliche und kollektive Resilienz entwickeln.

 

Schlüsselbegriffe: Corona, Pandemie, Langzeitfolgen, kollektive Traumatisierung, Burnout, politische Radikalisierung, soziale Isolation, Demut, Trauerarbeit, Versöhnung, soziale Kohärenz


Long-term Psychosocial Consequences of the Corona Pandemic. A discussion of the long-term consequences of the Corona pandemic in society and individuals, both the negative outcomes (fear, social phobia, paranoia, depression, collective traumatization, burnout, politic radical movements etc.) as well as the positive outcomes (economic slowdown, decreasing emission of harmful greenhouse gases, reflection on the essentials of life, appreciation of social contacts and relationships). Possible therapeutic and social measures after the pandemic could be: human humility, grieving, reconciliation, caring for the youth, mending of lost  social cohesion, developing personal and collective resilience.
Key Words: Corona, pandemic, long-term consequences, collective traumatization, burnout, radical political movements, social isolation, humility, grieving, reconciliation, youth, social cohesion, resilience

Ich mache mir Gedanken zur Langzeitperspektive, die sich aus unserer heutigen Krise ergibt. Die Corona-Pandemie ist zwar noch virulent. Aber wie wird die Welt danach aussehen? Mit welchen Folgen müssen wir rechnen? Welche Herausforderungen werden auf uns zukommen? Je besser wir darauf vorbereitet sind, desto weniger werden wir von Unerwartetem überrascht werden. Mir geht es auch darum, bei aller Ungewissheit über die Zukunft Zuversicht und Vertrauen aufrechtzuhalten. Es geht also um die Stärkung unserer Resilienz.
Nachdem wir Anfang 2020 geglaubt haben, die Pandemie würde spätestens nach dem Winter 2021 abgeebbt sein, müssen wir heute erkennen, dass sie möglicherweise zu einer Dauerkrise wird, die möglicherweise mehrere Jahre andauern könnte. Außerdem ist wahrscheinlich, dass wir auch in naher Zukunft von Pandemien heimgesucht werden, die von anderen Viren ausgelöst werden. Die pandemische Gefahr könnte sich als Dauerkrise erweisen. Was hat das für psychosoziale Folgen?

Einige psychosozialen Folgen der Pandemie
Durch den Lockdown und die Kontakt- und Reisebeschränkungen erlebt die Bevölkerung eine bisher nicht gekannte soziale Isolation und Vereinzelung, gepaart mit einer immerwährenden untergründigen (Todes-)Angst. Die Meidung der uns sonst selbstverständlichen sozialen Kontakte und der Rückzug in den eigenen vier Wänden geben uns zwar ein Gefühl scheinbarer Sicherheit. Wir fühlen uns jedoch wie Gefangene im eigenen Zuhause, wo der Lebensraum auf das absolut Notwendige beschränkt ist. Bisweilen gleicht das Leben wie in einem Belagerungszustand, wie ihn Albert Camus in seinem Nachkriegsroman Die Pest beschrieben hat.

 

Eine solche Einengung des Lebenshorizonts treibt viele in Depression und Schwermut, manche sogar in Verzweiflung. Hinzu kommt, dass die Isolation nicht nur von oben angeordnet, sondern bei vielen selbst-verordnet ist. Die von Viren „verseuchte“ Umwelt wird als lebensfeindlich, wenn nicht gar lebensbedrohlich erlebt. Dies nährt das Gefühl von Paranoia. Mit der Zeit entstehen eine latente Sozialphobie und Misstrauen gegenüber anderen Menschen, vor allem gegenüber Unbekannten und Fremden. (Demgegenüber empfinden wir kaum oder keine Furcht vor Menschen, die uns nahe sind, obwohl diese genauso das Virus weitergeben können). Wir können beobachten, dass selbst früher kontaktfreudige Freundinnen und Freunde sich einigeln und auf Distanz gehen.


Isolation und Selbstisolation bringen natürlich entgegengesetzte Impulse hervor. Die Sehnsucht nach Weite (versus Einengung) und Freiheit und Freizügigkeit (versus Eingesperrt sein) zeigt sich nicht nur in gesteigerter Reiselust, sondern auch in Ausbruchsversuchen, in milder Form als Sabotage der Kontakt- und Bewegungsbeschränkungen, in härterer Form in Protesten, Demonstrationen und aktivem politischem Widerstand. Nicht wenige verharmlosen die Gefährlichkeit des Virus oder leugnen sie ganz. Andere ziehen sich gänzlich zurück und fliehen in die Innenwelt, indem sie Trost bei esoterische Heilsversprechen und spirituellen Praktiken suchen. Auch dies ein Versuch, die eigene Autonomie zu bewahren und der latenten Todesangst zu entfliehen.

Langzeitfolgen der Pandemie: Burnout, kollektive Traumatisierung, politische Radikalisierung
Auf der psychosozialen Ebene ist zu beobachten, dass große Teile der Bevölkerung zunehmend unter dem chronischen Dauerstress leiden. Dies gilt nicht nur für die akut Betroffenen: die schwer Erkrankten, die Sterbenden und ihre Angehörigen, die Pflegenden in Altenheimen und Intensivstationen sowie die Menschen, die ihre Existenzgrundlage verlieren und die, die familiärer Gewalt daheim ausgesetzt sind. Auch eine Belastung auf relativ niedrigem Niveau (soziale Isolation, Einsamkeit, Langeweile, Überbelastung von Eltern und Kindern im Home-Office und Home-Schooling) kann sich, wenn sie über lange Zeit fortbesteht, zu einem Dauerstress entwickeln. Joachim Galuska, ehemaliger Leiter der Heiligenfelder Kliniken, stellt vermehrt Burnout-Symptome bei Patienten fest, verursacht durch die dauerhaft unsichere Infektionslage. Der menschliche Organismus ist angelegt, auf Gefahr mit Kampf, Flucht oder Totstellen zu reagieren. Auf die latente Bedrohung durch das Virus kann er jedoch nicht adäquat auf diese Weise reagieren: Als Einzelner kann man das Virus nicht aktiv bekämpfen. Vor ihm kann man nirgendwohin fliehen, es sei denn, man werde Einsiedler. Bleibt nur das Totstellen: daheim hocken und warten, bis das Unheil verschwindet. Aber man kann sich nicht über Monate, möglicherweise Jahre hinweg totstellen. Irgendwann beginnen Körper und Geist zu protestieren und nach Bewegung, Anregung und Aktivität zu hungern. Das Ausweichen auf elektronische Medien kann reale soziale/körperliche Kontakte auf die Dauer nicht ersetzen. Menschliche Begegnung lässt sich nicht auf die zwei Dimensionen eines Bildschirms reduzieren – sie wird „flach“, wie eine Klientin es treffend bezeichnete.


Daher ist es wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass die Pandemie für viele Menschen traumatisierend wirkt, und zwar auf der individuellen und kollektiven Ebene. Es ist eine andere Art von Trauma als solche, die durch Krieg, Flucht oder Gewalt verursacht werden. Die psychischen und sozialen Folgen dürften aber nicht weniger tiefgreifend sein. Kinder und Jugendliche verlieren ihren sozialen und bildungsmäßigen Anschluss. Viele werden krank, depressiv und resignativ. Benachteiligte Familien fallen noch weiter zurück als vor der Pandemie. Internetsucht breitet sich aus. Aller Voraussicht nach werden in der allgemeinen Bevölkerung Ängste und Phobien (besonders Sozialphobien) massiv zunehmen, ebenso wie Zwänge (Hände waschen, Masken tragen, magische Rituale). Unkontrollierte Affektdurchbrüche und dissoziative Verhaltensweisen werden zunehmen und immer wieder in Gewalt gegen andere oder sich selbst münden. Der Umgang mit anderen Menschen wird sich generell verändern, möglicherweise auf lange Zeit. Die soziale Bindungskraft wird abnehmen, ebenso das Vertrauen in etablierte Institutionen, vielleicht auf die Demokratie überhaupt.

 

Am bedrohlichsten ist jedoch – paradoxerweise – die allseitige Ohnmacht gegenüber dem grassierenden Virus, einem unsichtbaren, todbringenden Feind, der überall lauert und einen jederzeit anspringen kann, von dem nächstbesten Menschen, dem man begegnet, von der nächsten Türklinke oder dem Einkaufswagen, selbst vom Kleingeld, das die Kassiererin einem in die Hand drückt. Selbst mit den stärksten Desinfektionsmitteln kann man es nicht ausrotten. Keine Impfung verspricht einen hundertprozentigen Schutz.

 

Als Folge des allgemeinen Ohnmachtsgefühls verlagert sich die Aggression auf diejenigen, die uns die Vorschriften machen, unter denen wir leiden: die Regierenden und die Behörden. Im Grunde wissen wir, dass sie genauso hilflos sind wie wir selbst. Auch für sie ist das Virus und seine Auswirkungen neu. Auch sie müssen Schritt für Schritt per learning by doing dazulernen. Nur sind sie verpflichtet, die Bevölkerung vor der unsichtbaren Bedrohung zu schützen, eine unglaublich schwere Aufgabe, um die wohl niemand sie beneidet. Gegen sie richtet sich jedoch der aufgestaute Frust: Entweder tun sie das Falsche, oder sie unternehmen zu wenig oder übertreiben es maßlos. Selbst wenn einige der Vorwürfe berechtigt sind, findet hier eine Verschiebung, verbunden mit einer Projektion, statt: Die Aggression gegen das unsichtbare Virus wird auf sichtbare Menschen und Instanzen verlagert und projiziert, auf politisch Verantwortliche, auf überforderten Behörden, auf den demokratischen Staat, auf Andersdenkende, auf andere Länder, auf die Wissenschaft, auf die Pharmaindustrie, auf Erkrankte, nicht zuletzt auf die eigenen Familienangehörigen. Eigentlich wissen wir, dass die meisten nur das aus ihrer Sicht Bestmögliche tun. Dennoch entlastet es, auf Andere zu schimpfen. Das bringt eine Entlastung der inneren Anspannung und gibt einem selbst das Gefühl, gerecht und besserwissend zu sein, auf jeden Fall auf der richtigen Seite. Schon heute entzweien konträre Interpretationen der Pandemie und ihrer Ursachen Freunde und Familien.

 

Dieses Schwarz-Weiß-/Freund-Feind-Denken hat einen weiteren, politisch noch gefährlicheren Aspekt: Aus der Ohnmacht heraus erwächst bei vielen der Wunsch nach einer machtvollen Führerfigur. Aus dem Frust über zögerliche und sich widersprechende Politiker erwächst die Sehnsucht nach einer absoluten Autorität, der man blind vertrauen und folgen kann. Der Ruf nach der starken Hand wird lauter. Je undurchsichtiger und unkontrollierbarer die Lage, desto stärker wächst die Sehnsucht nach einfachen und handhabbaren Lösungen.

 

Die nicht abreißende Folge von globalen Krisen seit Beginn des 21. Jahrhunderts (11. September, Terrorismus, Finanzkrise, Klimawandel, die unkontrollierte Verbreitung von fake news in sozialen Foren usw.) vermittelt vielen das Gefühl, dass die Probleme uns über den Kopf wachsen und zunehmend unbeherrschbar werden. So nimmt es nicht wunder, dass populistische Bewegungen und Parteien an Einfluss gewinnen und sich autoritäre und totalitäre Regime selbst in den USA und anderswo etablieren konnten. Die soziale Ungleichheit hat zudem seit den 1980er Jahren massiv zugenommen. Die Kohärenz der Bevölkerung nimmt ab. Immer mehr Menschen verlieren ihre sichere wirtschaftliche Existenz und fallen trotz politischer Gegenmaßnahmen durch das soziale Netz. Die Staatsverschuldung wächst ins Unermessliche. Es ist zu vermuten, dass diese Tendenzen durch die Corona-Pandemie zunehmen werden. Wir gehen politisch unsicheren, vielleicht stürmischen Zeiten entgegen.

 

Vieles spricht dafür, dass die Corona-Pandemie eine historische Zeitenwende markieren könnte. Wenn das stimmt, wäre es sinnvoll, über die sich daraus ergebenden langfristigen Perspektiven nachzudenken.

Positive Effekte der Pandemie
Zunächst ist es wichtig zu erkennen, dass die Pandemie nicht nur negative, sondern auch manche positiven Auswirkungen hat:

  • Sie war wohl ein Hauptgrund dafür, dass Donald Trump nicht wiedergewählt wurde.
  • Sie hat das ungebremste ökonomische Wachstum in fast allen Teilen der Welt gestoppt.
  • Dadurch wurde die Emission klimaschädlicher Gase deutlich vermindert. Die Natur hatte etwas Zeit, sich zu erholen.
  • Das tödliche Virus hat uns die Kostbarkeit und die Verletzlichkeit menschlichen Lebens gezeigt.
  • Sie hat uns den Stellenwert von sozialen Kontakten und Beziehungen, von der Pflege der Kultur, von Dienstleistungen, die wir wie selbstverständlich in Anspruch genommen haben, nahegebracht.
  • Vor allem hat sie, in der Gestalt eines einfachen Virus, der menschlichen Hybris, wir könnten die Natur und die Naturgewalten zähmen und beherrschen, eine deutliche Grenze gezeigt. Unsere existenzielle Verwundbarkeit ist offenbar geworden.
  • Außerdem hat sie uns die soziale Ungleichheit auf der Welt schonungslos deutlich gemacht: Ärmere, randständige oder abgeschobene Gruppen sind der Ansteckung schutzloser ausgeliefert. Sie erkranken schwerer und haben geringere Überlebenschancen. Für viele bedeutet die Pandemie außerdem den sozialen Niedergang.
  • Damit hat die Pandemie gezeigt, dass alles nicht so weitergehen kann wie bisher.


Was können wir aus der Pandemie lernen?

 

Das Unerwartete erwarten
Eine alte Erfahrung, die sich in der Pandemie wiederholt: Das Schicksal nimmt ungeahnte Wege. Wir wissen nicht, was als Nächstes um die Ecke kommt. Geschichte lässt sich weder voraussehen, noch weniger planen. Auch wenn wir einiges wie die Klimakatastrophe mit großer Wahrscheinlichkeit auf uns kommen sehen und uns darauf vorbereiten können, gibt es immer wieder Überraschungen, ja Kehrtwendungen, die uns auf dem falschen Fuß erwischen und uns zwingen, uns neu auszurichten.

 

Kreative Anpassung
Hier ist kreative Anpassung gefordert – ein Schlagwort, das von unseren Gestaltahnen geprägt wurde. Dabei geht es weder um eine blinde Anpassung noch um eine frei-flottierende Kreativität. Wir müssen uns zwar an neue Lebensbedingungen anpassen, wir können dabei aber auch unsere kreative Phantasie nutzen (statt an altbewährten Methoden und Vorgehensweisen festzukleben), um Lösungen für die neuen Probleme zu finden. Auch hier heißt es, neue Pfade zu betreten und Unerwartetes und Unvorhersehbares auszuprobieren: Experimente wagen!

 

Abschiednehmen von der menschlichen Überheblichkeit
Die Pandemie hat uns gezeigt, wie sehr wir Menschen den natürlichen Lebensbedingungen unterworfen sind, egal wie raffiniert unsere technischen Möglichkeiten sein mögen. Wir sind, zum Glück, keine Roboter und keine Avatare, sondern Kreaturen aus Fleisch und Blut, genauso verwundbar wie alle anderen Lebewesen. Wenn wir tief in die natürlichen Prozesse eingreifen, dürfen wir uns nicht wundern, dass die Natur auf ihre Weise, oft entgegen unseren Berechnungen, darauf reagiert. Das Virus ist wahrscheinlich durch den Verzehr von Wildtieren auf den Menschen übertragen worden, ein Virus, für das der menschliche Organismus noch keine immunologische Abwehr aufgebaut hat. So konnte es sich ungehindert unter den Menschen ausbreiten.

 

Auf ähnliche Weise sehen wir uns heute konfrontiert mit den Insektensterben, das durch den ungehemmten Einsatz von Pestiziden und Herbiziden ausgelöst wurde. Dadurch können unsere Bäume nicht mehr bestäubt werden. Nun müssen Menschen die Arbeit von Bienen mühsam übernehmen. Weil wir die Produktion von Lebensmittel mit künstlichen Mitteln erhöhen wollten, sinkt auf lange Sicht deren Ertrag. Ein Circulus vitiosus. Wir übersehen nicht die Konsequenzen unseres menschlichen Handelns. Also müssen wir im Nachhinein mühsam aus den Konsequenzen lernen.

 

Menschliches Handeln ist also fehlerhaft. Sie ist oft eine Art Experiment. Man probiert etwas aus. Wenn es gut geht, freut man sich. Wenn es schief geht, gibt es vielleicht eine Explosion, die das Labor in Schutt und Asche legt. Vielleicht wird ein todbringendes Virus freigesetzt. Zauberlehrlinge sind wir. Heute nicht anders als vor Jahrtausenden.

 

Sollen wir es lassen? Dafür sind wir zu neugierig, vielleicht auch zu gierig. Zu gierig auf das Neue. Menschen sind keine Traditionalisten. Gerade in der Neuzeit stürmen wir vorwärts, von einer Erfindung in die nächste. Lässt sich das Tempo drosseln? Können wir uns verlangsamen, vom Rennschritt zur Gehmeditation? Dies ist eine entscheidende Frage. Durch die Verlangsamung könnten wir genauer wahrnehmen: Wo gehen wir hin? Ist die eingeschlagene Richtung die richtige? Sollten wir nicht erst stehen bleiben und uns umschauen?


Rückbindung in die Natur
Wenn wir uns umschauen, merken wir vielleicht, dass wir Teil der Natur sind, egal welche Zivilisationsstufe wir auch erklommen haben. Wir sind in die Natur eingebettet, wir sind von ihr abhängig, wie sie auch von uns abhängig ist, interdependent, in Symbiose lebend: Ich gebe Dir was, Du gibst mir was. Ohne Dich gehe ich zugrunde, ohne mich… Ich wollte gerade schreiben: „Ohne mich gehst Du ebenfalls zugrunde“. Das stimmt aber nicht! Ohne uns Menschen kann die Natur sehr gut, sogar viel besser fortbestehen. Sie wird fortbestehen, wenn es keine Menschen mehr auf der Erde gibt.

 

Dies ist ein äußerst interessantes Phänomen: Wir sind heute imstande, einen Großteil der Natur zu zerstören, wie wir sie kennen. Aber dennoch sind wir so von ihr abhängig wie jede andere Kreatur. Wir brauchen Luft zum Atmen und Wasser zu trinken wie jedes andere Tier. Alle Versuche, künstliche Lebensbedingungen zu erschaffen, in denen Menschen langfristig leben können, müssen scheitern. Wir dürfen den Ast nicht abschneiden, auf dem wir sitzen.

 

Ich habe in den letzten Jahren einige Systemaufstellungen zu unserem Verhältnis zur Natur geleitet. In allen erscheint die Erde (und mit ihr die Pflanzen, die Tiere und die Landschaften) uns Menschen wohlgesonnen zu sein. Jedoch verzweifeln sie alle darüber, dass wir weitermachen wie bisher. Es ist höchste Zeit, uns zurückzubinden an die Natur, das heißt im Einklang mit ihr zu leben statt sie für unsere selbstsüchtigen Ziele auszuschlachten.


Liebe und Selbstliebe
Was uns dabei fehlt, ist Liebe. Zunächst für uns selbst. Selbstliebe ist nicht Egoismus und nicht Narzissmus (dieser entspringt dem Mangel an Selbstliebe). Selbstfürsorge und Selbstliebe bedeutet, achtsam mit sich, mit dem eigenen Körper, mit dem eigenen Geist und der eigenen Seele umzugehen. Liebevoll sich im Spiegel betrachten, sich anlächeln. Dann hinausgehen, andere Menschen liebevoll betrachten und anlächeln. Dann die Bäume, die Vögel, das Land liebevoll betrachten und anlächeln. Damit verbinden wir uns mit unserem Inneren und mit unserer Umwelt. Aus dieser Verbindung heraus können wir viel besser nachdenken und handeln, als wenn wir gedankenlos und mechanisch unsere Umwelt und uns selbst behandeln. Es steckt Leben in uns und überall. Mit dem Herzen sehen wir anders.


Wir sind mit uns selbst konfrontiert
In der Isolation während der Pandemie sind wir auf uns selbst zurückgeworfen. Wir können uns nicht mehr ablenken. Die Möglichkeiten, uns zu zerstreuen, haben sich drastisch reduziert. Allein auf uns gestellt, sind wir mit uns selbst konfrontiert: Wie gehe ich mit der ungewohnten Situation um? Wie halte ich das Alleinsein aus? Wie geht es mir in diesem Zuhause, das ich mir geschaffen habe, wenn ich mich in Quarantäne befinde? Alle diese Fragen münden in der Grundsatzfrage: Wer bin ich?

 

In unserem Bewegungsradius aufs Engste begrenzt, befinden wir uns in einer Art Isolationshaft. Wir haben immer noch unser Dach überm Kopf. Unsere Partnerschaften und unsere nächsten Beziehungen sind uns erhalten geblieben (wenn wir Glück haben). Jedoch sind die Möglichkeiten, zusammen zu sein, sehr eingeschränkt. Wir müssen uns auf das Wesentliche konzentrieren. Was fangen wir mit uns selbst an? Was fangen wir miteinander an?


Die Pandemie stößt uns so, völlig unerwartet, vielleicht sogar gegen unseren Willen, auf das Wesentliche in unserem Leben zurück. Was tue ich, wenn ich mein gewohntes Leben nicht mehr führen kann, wenn ich nicht wie sonst jeden Werktag zur Arbeit fahren kann, wenn ich nicht nach Feierabend und am Wochenende meinen Hobbys und meinen Freizeitvergnügen nachgehen kann, wenn ich den ganzen Tag mit meinem Partner und meinen Kindern zusammen in engstem Raum verbringen muss? Was bedeuten mir meine sozialen Kontakte? Was bedeuten mir meine FreundInnen, meine KollegInnen und die zufälligen Begegnungen im Alltag? Dann die drohende Frage im Hintergrund: Was ist, wenn ich mich mit dem tückischen, unberechenbaren Virus infiziere? Wenn ich schwere, vielleicht lebenslange Folgen davontrage? Wenn ich gar daran sterbe? Plötzlich sind wir mit dem Ende unseres Lebens konfrontiert. Wie bereite ich mich darauf vor? Kann ich mich überhaupt darauf vorbereiten? Kann ich mich überhaupt vor dieser unsichtbaren Bedrohung schützen? Was ist mir mein Leben wert?


Ich habe den Eindruck, dass die Pandemie uns an die wesentlichen, die existenziellen Fragen in unserem Leben erinnert. Sie schärft unseren Blick auf das Wesentliche. Sie stößt uns unbarmherzig auf unsere ungelösten Lebensprobleme zurück, vor denen wir bisher geflohen sind. Wir können nicht mehr weglaufen. Gleichzeitig hebt sie das, was unser Leben lebenswert macht, stärker hervor.

 

Bei mir persönlich hat die Pandemie innerhalb dieser relativ kurzen Zeit bewirkt, dass mir ziemlich schnell vieles klar geworden ist:

  • Ich habe gemerkt, dass es die sozialen Kontakte sind, die mir an meiner Arbeit am meisten bedeuten. Als alle meine Gruppen von einem Tag auf den anderen durch die Corona-Verordnung verboten wurden, fehlten mir diese so selbstverständlichen Kontakte schmerzlich, die ich seit Jahrzehnten pflege. Videokonferenzen können die persönlichen Begegnungen überhaupt nicht ersetzen.
  • Ich habe realisiert, dass ich, bedingt durch mein Alter und meine Vorerkrankungen, zu den Risikogruppen gehöre. Die Möglichkeit, innerhalb kurzer Frist an Corona zu erkranken und zu sterben, hat mir gezeigt, dass ich keine Zeit zu verlieren habe, meine Beziehungen, vor allem meine alten Beziehungen zu bereinigen und meine unfinished businesses abzuschließen. Ich habe alte FreundInnen, verflossene Lieben, enttäuschte Beziehungen angerufen oder ihnen geschrieben, habe gefragt, wie es ihnen geht, habe von mir erzählt, habe sie wiedergetroffen, habe um Verzeihung gebeten.
  • Ebenso habe ich Beziehungen, die ich jahrelang aus Gewohnheit aufrechterhalten habe, darauf hinterfragt, was sie mir wirklich bedeuten. Mehr als einmal bin ich zu dem Schluss gekommen, dass diese nicht mehr fruchtbar sind, und habe mich verabschiedet. Andere habe ich intensiviert, weil ich realisiert habe, wieviel sie mir wert sind. Mir ist wichtig, die Zeit, die ich noch zu leben habe, bewusst zu nutzen.
  • Auf der Suche nach einer Besserung meines chronischen Asthmas (das mich gerade angesichts des Coronavirus immanent bedroht), habe ich eine Atemtherapie begonnen – ein Projekt, das ich lange Jahre vor mich hergeschoben habe und nun endlich verwirkliche.
  • Ich spende seit Jahren für einen Verein, dessen Jahresberichte ich bislang ungelesen weggeworfen habe. Nun hatte ich Zeit, die neueste Nummer durchzublättern und stieß auf eine Buchbesprechung. Diese betraf genau das Problem, mit dem ich mich seit Jahren herumschlage. Nun bin ich bei der Autorin des Buches in Therapie und habe das Gefühl, nach jahrelanger Suche endlich angekommen zu sein.

Auf diese Weise hat die Pandemie mich persönlich sehr weit vorangebracht. Bei aller Unsicherheiten, die die Zukunft bringen mag, weiß ich sehr viel genauer, was ich will und wie ich künftig leben möchte. Dies ist, glaube ich, eine der wichtigsten Resilienzfaktoren: Innere Sicherheit bei äußerer Unsicherheit gewinnen. Meinen Stand finden und halten in diesen unsicheren Zeiten. Vertrauen in mich, in meine Beziehungen, in meine Umwelt, auch in die Politik finden. Wenn ich mich sicher fühle, kann ich diese auch meinen KlientInnen vermitteln.

Zur Langzeitperspektive in naher und ferner Zukunft

 

Worauf wir gefasst sein müssen
Wir werden nach der Pandemie eine andere Gesellschaft vorfinden als davor. Das Vertrauen an den Fortschritt oder an eine positive Weiterentwicklung des Weltgeschehens überhaupt wird ziemlich beschädigt daraus hervorgehen. Es wird sich wie nach einem Krieg oder einer großen Naturkatastrophe anfühlen. Wir werden aus unseren Löchern herauskriechen und eine nüchterne Bilanz ziehen müssen, wer alles noch lebt, welche Verluste (nicht nur an Menschenleben) wir zu beklagen haben, wie sich unsere Lebensverhältnisse verändert haben.


Uns Zeit nehmen
Es wird wichtig sein, uns Zeit zu lassen, um uns zu besinnen, um uns umzuschauen, um uns bei unseren Nächsten, bei Fremden und Fremdgewordenen zu erkundigen, wie es ihnen geht. Lange abgeschnittenen Kontakte wieder aufnehmen, auch Kontakt mit uns selbst. Zeit ist der wichtigste Faktor in der Verarbeitung des traumatischen Geschehens.

 

Trauerarbeit
Es wird vieles zu betrauern geben. Als erstes werden wir konfrontiert sein mit den Menschen, die unmittelbar von der Pandemie betroffen sind. Wir werden um die Toten trauern müssen, nicht nur um die Freunde, die während der Pandemie verstorben sind, sondern um die weltweit Millionen Coronaopfer. Wir werden den Trauernden beistehen müssen, die ihre Angehörige verloren haben. Es wird viele geben, die einen schweren Krankheitsverlauf durchgemacht haben und davon traumatisiert worden sind, nicht zu vergessen diejenigen, die mit den langfristigen Folgen der Infektion und der intensivmedizinischen Behandlung weiterleben müssen.

 

Wir werden die Menschen zu versorgen haben, die ihre materielle Existenz verloren haben, die vor den Trümmern ihres bisherigen Lebens stehen und nicht wissen, wie es weiter geht. Sie wieder aufzurichten wird eine Herkulesaufgabe sein. Wir werden Menschen vorfinden, die infolge der monatelangen sozialen Isolation sich nach der Öffnung nicht mehr zurechtfinden, die in Lethargie, Angst, Phobie, vor allem in Depression gefallen sind. Davon betroffen werden viele junge Menschen sein, die Abbrüche in ihrem schulischen oder Ausbildungswerdegang erlitten haben und den Anschluss nicht mehr finden, eine möglicherweise verlorene Generation. Wir werden Kindern begegnen, die das Spielen verlernt und sich im Internet verirrt haben, Familien, die den Stress von Kurzarbeit, Home-Office und Home-Schooling nicht standhalten konnten und zerbrochen sind.

 

Der soziale Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält, wird schweren Schaden davongetragen haben. Es sind nicht nur diejenigen, die Corona verleugnen oder Verschwörungstheorien anhängen und nun in einer anderen, für die Mehrheit nicht mehr nachvollziehbaren Realität leben. Sie sind möglicherweise nicht mehr für den demokratischen Diskurs erreichbar. Die monatelange soziale Isolation wird Spuren auch in unserem alltäglichen Kontaktverhalten hinterlassen haben. Früher selbstverständliche Gesten werden uns fremd vorkommen: uns die Hand geben, uns in den Arm nehmen, eine größere menschliche Nähe als eineinhalb Meter zulassen – all dies wird uns nicht mehr so leichtfallen. Selbst wenn einige der Hygienemaßnahmen weiterhin sinnvoll bleiben werden, werden wir merken, dass wir einige Ver- und Gebote so internalisiert haben, dass sie zu Zwängen erhärtet sind. Wir werden uns wahrscheinlich für lange Zeit an den Anblick von Masken gewöhnen müssen.


Versöhnungsarbeit
In der Pandemie sind wir, in der Gestalt des Virus, mit einem „unsichtbaren Feind“ konfrontiert worden. Der drohende Tod, der vom Virus ausgeht, hat in uns zunächst Panik und Angst ausgelöst. Sie weckte gleichzeitig eine ungeheure Wut. Da das Virus unsichtbar bleibt, wird sich unsere Aggression auf andere „Schuldigen“ richten. Die Infizierten, die uns gefährden, können wir nicht attackieren, weil sie ja zu den Opfern zählen. Daher wird die meiste Aggression auf Politiker und andere „Täter“ verschoben. Sie erscheinen als diejenigen, die uns das Ganze eingebrockt haben, die entweder zu viel, zu wenig oder das Falsche angeordnet haben. Wenn wir dem Schicksal hilflos ausgeliefert sind, suchen wir reflexartig nach Schuldigen, anstatt zuzugeben, dass wir alle mehr oder weniger ohnmächtig sind.

 

Daher sollten wir uns an den Satz von Jens Spahn erinnern, den er gleich zu Beginn der Coronamaßnahmen ausgesprochen hat: „Wir werden wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen... Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik und vielleicht darüber hinaus, in so kurzer Zeit, unter solchen Umständen, mit dem Wissen, was verfügbar ist, hätten Politiker mit so vielen Unwägbarkeiten so tiefgehende Entscheidungen treffen müssen“.

 

Es geht letztlich um Versöhnung – mit den unberechenbaren Schicksalsschlägen, mit den politisch Verantwortlichen, mit denen, die durch ihr Verhalten zur Verbreitung der Infektion beigetragen haben, auch mit den Profiteuren der Pandemie. Wir sind alle Mitleidende. Jeder hat versucht, das Beste aus der Situation zu machen.

 

Versöhnungsarbeit ist somit innig verbunden mit der Trauerarbeit. Trauern statt wütend sein. Das Virus, das die ganze Welt getroffen hat, ist etwas anderes als Krieg oder eine Naturkatastrophe.


Die neue Realität anerkennen und mutig weitergehen
Wir werden – hier besteht dennoch eine Ähnlichkeit zu einem Krieg oder einer Katastrophe – eine andere Welt vorfinden, wenn wir aus dieser Pandemie herauskommen. Wir werden andere Lebensbedingungen vorfinden und uns an den Wiederaufbau begeben müssen. Hoffentlich tun wir dies mit Klugheit, Bedacht und Vernunft. Die Bewältigung der Klimakatastrophe liegt immer noch als die größte Herausforderung vor uns. Sie erfordert globales Engagement und weltweite Zusammenarbeit. Wir müssen eine andere Priorisierung in Wirtschaft und Politik finden, von der Wachstumsideologie weg zur Genügsamkeit und Bescheidenheit. Wir müssen uns um die Flüchtlinge und Migranten in aller Welt kümmern. Wir müssen unser Verhältnis zur Erde und Natur überdenken. Wir müssen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen den Weg zu einem normalen Leben zeigen und ihnen Hoffnung und Zuversicht vermitteln. Und wir müssen uns um den gesellschaftlichen Zusammenhalt kümmern, der durch die soziale Isolation und Abschottung gelitten hat. Vor allem: den Glauben an (Mit-)Menschlichkeit und Vernunft nicht verlieren.

 

Demut ist gefragt. Wir dürfen Ziele haben, aber wir müssen akzeptieren, dass nicht alles planbar und machbar ist. Krisen wird es immer geben. Manchmal nimmt das Schicksal ungeahnte Wege und wir müssen uns daran anpassen. Am wichtigsten ist die Liebe: die Selbstliebe, die Nächstenliebe und die Liebe zum Leben und zur Natur. Lasst uns daher unsere Wunden lecken und wieder Tritt fassen, Schritt für Schritt.

 

Victor Chu
Dr. med. Dipl. Psych.
Postadresse:
Kristallzentrum

Sinsheimer Str. 5

69256 Mauer

AB: +49 1525 6103233
Fax: +49 6226 40231
Kontaktformular
E-Mail v.chu@posteo.de
Web www.vchu.de