Die Mutter im Leben eines Mannes – eine Lebenslange Bindung

Klett-Cotta 2020

ISBN xxx

Klappentext:

 

Von Männern als Söhne und Frauen als Mütter

 

Die Bedeutung der Mutter-Sohn-Beziehung geht weit über das individuelle Leben eines Mannes hinaus. Sie ist ein entscheidendes Glied in der Kette von Männer-Frauen-Beziehungen in unserer Gesellschaft.

 

Die Mutter ist die erste Frau im Leben eines Mannes. Sie vermittelt ihm zum ersten Mal, wie es ist, ein Mann zu sein. Vor allem aber prägt sie sein Verhältnis zu allen Frauen, die er später antreffen wird. Daher ist es kaum möglich für eine Mann, neutral über seine Mutterbeziehung zu sprechen. Das Gleiche gilt umgekehrt für Mütter, wo Muttersein von manchen als Geschenk, von anderen als Fluch empfunden wird.

 

In der Beziehung zur Mutter ist der Sohn der Kleine und Hilflose, die Mutter die Große und Mächtige – genau das Gegenteil des Klischees von dem starken Mann und der schwachen Frau! Eine Mutter begegnet in ihrem Sohn zum ersten Mal ein männliches Wesen, das total von ihr abhängig ist. Was sie in ihrem bisherigen Leben an Erfahrungen mit Männern gemacht hat, wirkt unmittelbar auf die Art, wie sie ihren Sohn behandelt. Welche Botschaften gibt sie ihm auf den Weg, wie er später als Mann zu sein hat? Wie färbt seine Mutterbeziehung auf sein späteres Verhältnis zu Frauen ab – persönlich und gesellschaftlich?

 

In diesem sehr persönlichen Buch arbeitet Victor Chu die Merkmale einer (zu) engen Mutter-Sohn-Beziehung heraus mit all ihren Schattierungen. Das Buch gibt Anregungen für Männer, ihre Mutterbeziehung zu überdenken, um zu ihrer Männlichkeit zurückzufinden. Es sensibilisiert Mütter für die Bedürfnisse ihrer Söhne und streicht die Bedeutung des Vaters und der elterlichen Partnerschaft für Töchter und Söhne heraus.

 

 

Vorwort

 

Erlauben Sie mir gleich zu Beginn eine Vorbemerkung: Es geht in diesem Buch nicht um eine allgemeine Abhandlung über die Beziehung zwischen Müttern und Söhnen. Vielmehr geht es um das Verhältnis zwischen schwierigen Müttern und ihren Söhnen. Mich hat als Psychotherapeut interessiert, welche Konflikte entstehen können, wenn eine Mutter persönliche Probleme hat, die sie unbewusst auf den Sohn überträgt und ihr gegenseitiges Verhältnis belasten.

 

In vielen Gesprächen mit Männern habe ich erfahren, wie ein Zuviel oder Zuwenig an Mutterliebe ihnen Schwierigkeiten in ihrem erwachsenen Leben bereiten können. Frauen beklagen sich darüber, dass ihre Partner mehr an der Mutter hängen als an ihnen, dies aber vehement ableugnen. Und Töchter sind eifersüchtig darüber, dass ihre Mütter den Bruder selbst im Erwachsenenalter bevorzugen. Schließlich verzweifeln manche Mütter darüber, dass sie ihre erwachsenen Söhne nicht verstehen, dass sie keinen Zugang mehr zu ihnen finden und sie deshalb Sorgen um sie machen. Ihnen allen möchte ich Erklärungen für das komplexe Geflecht in der Beziehung zwischen Müttern und Söhnen an die Hand geben, damit sie ihr gegenseitiges Verhältnis klären und besser gestalten können.

 

Es ist unmöglich, objektiv über Mütter nachzudenken und zu schreiben. Jeder Mensch, egal Frau oder Mann, den man nach seinem Verhältnis zur Mutter fragt, kommt mit persönlichen Erinnerungen und Geschichten, die mit positiven oder negativen Gefühlen verbunden sind. Das Verhältnis zur Mutter ist immer subjektiv und immer emotional, ist sie doch die erste und die prägendste Beziehung in unserem Leben. Selbst ein Mensch, der gleich nach der Geburt von seiner Mutter zur Adoption freigegeben wurde, hat die ersten neun Monate seines Lebens in ihrem Uterus erlebt, war mit ihr über die Nabelschnur aufs Innigste verbunden, hat alles miterlebt, was ihr während der Schwangerschaft widerfuhr. Mit der Mutter ist er gemeinsam durch die Geburt gegangen, einen Prozess, in dem es für beide um Leben und Tod geht.

 

Wieviel stärker und persönlicher ist das Verhältnis zur Mutter für Menschen, die mit ihr nicht nur Schwangerschaft und Geburt erlebt haben, sondern jahrelang von ihr genährt und großgezogen worden sind. Die Mutter ist schlichtweg die prägendste Person in unserem Leben.

 

Umgekehrt ist es für eine Mutter unmöglich, neutral über ihr Verhältnis zu ihren Kindern zu berichten. Zum einen ist die Fähigkeit, ein Kind zu bekommen und auf die Welt zu bringen, ausschließlich dem weiblichen Geschlecht vorbehalten. Sie gehört zum Schicksal einer Frau, von manchen als Geschenk, von anderen als Fluch empfunden, mit all den Nuancen dazwischen. Diese Tatsache führt dazu, dass keine Frau neutral über Mutterschaft und Muttersein sprechen kann. Zudem berührt dieses Thema auch ihre Geschichte mit ihrer Mutter. Muttersein ist ein Fluss, der von Großmutter zur Mutter zur Tochter und so weiter fließt. Therapeutinnen berichten, dass es nicht selten vorkommt, dass eine Frau bei der Geburt ihres Kindes ihre eigene Geburt durchlebt, diesmal in der Doppelrolle als Gebärende und als (einstiges) Kind. Auf diesem Hintergrund nimmt es nicht wunder, dass die meisten Mütter ihre Kinder mit vielschichtigen Gefühlen betrachten. Eine Mutter erzählt, dass es unmöglich sei, sich nicht in Extremen zu sehen: Entweder tue sie als Mutter zu viel oder zu wenig. Sie sei ihre schärfste Kritikerin. Aus diesem Grund hat eine Mutter fast nie das Gefühl, ihre Kinder richtig zu behandeln. Es ist schier unmöglich, eine „ideale Mutter“ zu sein.

 

Es ist also weder aus der Perspektive des Kindes noch aus der der Mutter möglich, objektiv über Mütter und Muttersein zu denken und zu sprechen. Vielleicht ist dies der Grund, warum das Thema Mutter in der öffentlichen Diskussion oft nur mit Samthandschuhen angefasst wird. In der psychologischen Literatur finden wir zwar eine Menge Ratgeber dafür, wie man Kinder richtig erziehen soll. Aber über die Probleme, die Kinder mit ihren Müttern haben, ihre Sorgen, ihre Schmerzen, ihr Leid – das Kind als Opfer seiner Mutter – darüber wird kaum etwas geschrieben. Es ist, als betrete man eine Tabuzone, wenn man sich über Mütter beklagt. Darüber darf zwar unter vier Augen erzählt werden, aber in der Öffentlichkeit? Da wird die Mutter verehrt und auf einen Sockel gestellt. Das größte Vorbild dafür ist die Mutter Gottes.

 

Ich habe nur ein einziges Madonnenbild gesehen, auf dem die Madonna das Jesuskind verprügelt. Es ist 1926 von Max Ernst gemalt worden, mit dem Titel "Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Éluard und dem Maler“. Auf dem Bild sieht man Maria, wie sie mit einem starren, ausdruckslosen Blick das nackte Jesuskind auf ihrem Schoß mit der linken Hand festhält und mit der rechten ihm auf den bereits geröteten Po schlägt. Dabei trägt sie den Heiligenschein. Seiner ist jedoch auf den Boden gefallen. In den gefallenen Heiligenschein hat der Maler seine Signatur gesetzt. Im Hintergrund schauen drei Männer durch ein winziges Fenster zu. Man könnte das Bild so deuten, dass Max Ernst seinen beiden Freunden über seine einstige Züchtigung durch die Mutter erzählt. Das Bild löste 1926 ein Skandal aus. Als es im Kölnischen Kunstverein ausgestellt wurde, soll der damalige Erzbischof dazu aufgefordert haben, es abzuhängen.

 

Über das zwiespältige Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern hat Nancy Friday 1977 zum ersten Mal in ihrem Buch „My Mother Myself“ geschrieben. Über Mütter und Söhne wurde jedoch kaum etwas Kritisches geschrieben. Das Buch von Karl Haag: „Wenn Mütter zu sehr lieben, Verstrickung und Missbrauch in der Mutter-Sohn-Beziehung“1 ist eine Seltenheit. Gerade Männern scheint es schwerzufallen, über die schmerzlichen Seiten ihrer Mutter-Beziehung nachzudenken und zu schreiben. Zu tief sitzt die Wunde. Zu sehr wehrt sich die männliche Seele dagegen, zugeben zu müssen, einst als hilfloser Junge von der Mutter abhängig gewesen zu sein, vielleicht sogar von ihr gedemütigt, misshandelt oder missbraucht worden zu sein. Zu sehr steht dies gegen das gewohnte stereotypische Bild des starken Mannes, der ein Mann in der Gesellschaft zu sein hat.

 

Es ist jedoch gerade die Umkehrung des Klischees von dem starken Mann hier und der schwachen Frau dort, die das Verhältnis zwischen Müttern und Söhnen so interessant macht. Wir vergessen zu oft, dass jeder Mann, egal ob Macho oder Softie, einmal ganz klein und hilflos gewesen ist und seiner Mutter ausgeliefert war. Damit beginnt das Leben eines jeden Mannes. Hier beginnt auch seine Geschichte mit der Frau. Die Mutter ist die erste Frau im Leben eines Mannes. Sie prägt sein Verhältnis zu sich selbst, indem sie ihm das erste Gefühl dafür gibt, wie es ist, ein Mann zu sein. Vor allem aber prägt sie sein Verhältnis zu allen Frauen, die er später antreffen wird. Mit ihr macht er seine ersten Erfahrungen mit der weiblichen Stimme, dem weiblichen Duft und der weiblichen Haut. Hier spürt er Wärme und Kälte, Liebe und Schmerz.

 

Umgekehrt begegnet eine Mutter in ihrem Sohn zum ersten Mal ein männliches Wesen, das klein, ja winzig ist, ein Wesen, das total von ihr abhängig ist, dessen Wohl und Weh von ihrem guten (oder schlechten) Willen abhängt. Hier erlebt sie die Umkehrung des Mann-Frau-Verhältnisses, das sie sonst in ihrem Leben antrifft. Wie wird ihr eigenes Verhältnis zu Männern – zu ihrem Vater, zu ihren Brüdern, zu ihren Vorgesetzten, zu ihren Liebespartnern – sich auf die Beziehung zu ihrem kleinen Sohn abfärben? Welche Botschaften gibt sie ihm auf den Weg, wie er später als Mann zu sein hat? Wie stark bestimmt sie ihn in seinem Mannsein?

 

Jeder Mann, mit dem ich über sein Verhältnis zur Mutter fragt, berichtet von schwierigen, manchmal von schrecklichen Erfahrungen, die er mit ihr gemacht hat. Viele möchten dieses Kapitel für immer hinter sich lassen und nichts mehr davon wissen. Viele haben eher ein „mechanisches“ Verhältnis mit ihrer Mutter entwickelt: Man besucht sie nach einem bestimmten Ritual. Dabei wechselt man immer die gleichen nichtssagenden Worte, man trinkt Kaffee miteinander, dann gibt man sich die Hand oder ein flüchtiges Küsschen, um dann erleichtert ins eigene Leben zu flüchten, bis zum nächsten Mal. Dabei vergisst man, dass die Mutter einen unsichtbar begleitet, bei jedem Schritt. Sie haust im Herzen jedes noch so erwachsenen Sohnes und beeinflusst alles, was er tut, bis in seine Liebesbeziehungen hinein.

 

Männer fühlen nicht gerne, vor allem fühlen Männer sich nicht gerne. Männer tun lieber etwas. Im Tun blenden Männer aus, was sie lieber nicht fühlen wollen. Und doch wird ihr Tun durch ihr Fühlen bestimmt, auch durch das Fühlen, das sie ausblenden. Das ist das Vertrackte am Unbewussten. Je mehr wir von ihm weglaufen, desto hartnäckiger verfolgt es uns, desto stärker bestimmt es unser Tun. Zu fühlen, was ein Mann von seiner Mutter und mit ihr erlebt hat, bringt ihn zurück an die Quelle seines Seins. Wenn er den Weg zurückfindet, findet er sich auch zu sich selbst zurück. Stück für Stück eignet er sich selbst wieder an: seine Kindheit, seine Jugend, seine Männlichkeit. Wenn er mit seiner Mutter aufgeräumt hat, kann er sein Leben endlich neu in die Hand nehmen und nun selbst bestimmen, wohin es weitergehen soll in seinem zukünftigen Leben. So habe ich es auch beim Schreiben dieses Buchs erfahren.

 

Die Bedeutung der Mutter-Sohn-Beziehung geht dabei weit über das individuelle Leben eines Mannes hinaus. Sie ist ein entscheidendes Glied in der Kette von Männer-Frauen-Beziehungen in unserer Gesellschaft. Wenn wir das Gewalt- und Herrschaftsverhältnis zwischen Männern und Frauen überwinden wollen, müssen wir zunächst schauen, wie in unserer Gesellschaft Frauen von Männern behandelt werden.2 Danach können wir verfolgen, wie die betroffenen Frauen später selbst ihre Söhne behandeln. Diese Söhne wachsen unter dem Einfluss ihrer Mütter zu erwachsenen Männern heran und gehen ihrerseits mit den Frauen in ihrem Leben um, die dann wieder Söhne bekommen, und so weiter. Das eine geht nahtlos ins andere über. Innerhalb dieser Kette spielt die Mutter-Sohn-Beziehung eine entscheidende Rolle in der Formung des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern. Wir müssen das Ganze als einen durch die Generationen fortlaufenden Prozess anschauen, wo Positives wie Negatives transgenerational weitergegeben und weiterentwickelt wird.

 

Von all den genannten Gliedern in der Kette konzentriere ich mich in diesem Buch auf die Mutter-Sohn-Beziehung. Damit vervollständige ich meine Betrachtung der Eltern-Kind-Beziehung, die mit dem letzten Buch Vaterliebe begonnen hat. Dabei arbeite ich gleichzeitig meine eigene Beziehung mit meinen Eltern auf. Es ist nur ein Versuch, aber ich glaube, es ist eines Versuchs wert.


1 - Karl Haag: Wenn Mütter zu sehr lieben. Verstrickung und Missbrauch in der Mutter-Sohn-Beziehung, Kohlhammer 2015

2 - In Deutschland wurden 2019 141.000 Fälle sexualisierter und partnerschaftlicher Gewalt gezählt, Tendenz steigend. Dazu zählen Körperverletzung, sexuelle Übergriffe und Zwangsprostitution. Statistisch wird jede Stunde eine Frau durch ihren Partner gefährlich verletzt. Jeden Tag findet ein Mordversuch statt. Jeden dritten Tag wird eine Frau von ihrem Partner ermordet. 19% der Opfer partnerschaftlicher Gewalt sind Männer. 81% sind Frauen. (Quelle: Rhein-Neckar-Zeitung Nr. 274, 26.11.2019, Seite 2)

 

Victor Chu
Dr. med. Dipl. Psych.

 

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